Am Polarkreis

Die letzten drei Wochen bis Ende Mai verbringen wir in Niemisel. Bei unserer Ankunft liegen auch hier noch letzte Reste des Schnees. Knapp zwei Wochen später sind auch diese verschwunden. Wir wohnen bei Jenny und Fredrik mit ihren zwei kleinen Töchtern. Auf dem ehemaligen Hof wird aber keine Landwirtschaft mehr betrieben.

Unsere erste Hauptaufgabe ist die Betreuung eines Wurfs junger Hunde. Fünf kleine Norrbottenspitze müssen wochentags für ein paar Stunden bespaßt werden, wenn Herrchen und Frauchen auf Arbeit sind. Diese für die Region typische Rasse galt zwischenzeitlich als ausgestorben. Vier der Welpen gehen nach einer Woche in neue Hände, nur ein Junges und die Hundemama bleiben da.

An Wohnhaus und Scheuine sind noch ein paar Fenster vom alten Kitt und Farbe zu befreien und wieder neu einzuglasen. Das hat sich dann zu unserer Hauptätigkeit hier entwickelt. Einige Holzteile waren so verrottet, dass ich einen Nachbau herstellen musste.

15.05.2021

Kaum dass wir Niemisel erreicht haben haben, fahren wir noch ein Stück weiter nach Norden, um an das Hauptziel dieser Reise zu gelangen. Bei bei N 66° 33.067 E 022° 19.940 schneidet die Europastraße E10 den nördlichen Polarkreis. Es gibt eine große Tafel mit Erläuterungen. Oder wussten Sie, dass der Polar- oder nördliche Wendekreis ständig ein wenig wandert? Auch ein Gasthof befindet sich nebenan. Auf dem Gelände hinter dem geschlossenem Gasthaus befinden sich natürlich einige Altautos, die definitiv nicht mehr den Status „fahrbereit“ haben. Und natürlich versteckt sich in einer der Tafeln ein Geocache. Wir sind hier schon 1819 Kilometer Luftlinie von Chursdorf weg, aber immer noch 2602 Kilometer vom Nordpol entfernt.

Von jetzt an geht es für uns nur noch nach Süden. Fast jedenfalls. Einige Kilometer weiter gibt es das Arctic Portal. Eine der vielen Loipen kreuzt hier dekorativ den Polarkreis. Mit einigen Hütten und natürlich einem Geocache. Die hundert Meter Fußweg von der Straße sind noch tief verschneit und den Cache konnte ich auch nicht finden.

Aber Seidenschwanz, Braunkehlchen, Kreuzschnabel und und und haben wir gesehen. Der balzende Auerhahn am Straßenrand war leider nicht in Fotostimmung und schneller weg als ich die Kamera bereit hatte.

Der Fluss Råneälven oder kurz Råne (gesprochen: Rhone) fließt wenige Meter hinter dem Haus vorbei. Der Wasserlauf besteht stellenweise aus Stromschnellen, ist dann wieder hunderte Meter breit und von einem See nicht zu unterscheiden. Mitte bis Ende Mai, also jetzt hat er Frühjahreshochwasser. Seit unserer Ankunft kann man dem Wasserspiegel beim Steigen zusehen. Aber das ist Teil des schwedischen Planes. Er ist zwar keiner der vier geschützten Nationalflüsse, hat aber weder Staustufen noch Hochwasserschutz. Jetzt sind die tiefer gelegenen Wiesen und Wege überschwemmt, aus Halbinseln sind Inseln geworden. Häuser werden auf den Überschwemmungsflächen logischerweise nicht gebaut. Mit Ausnahme einiger kleiner Holzhütten, die jetzt einige Zentimeter im Wasser stehen.

24.05.2021 Boden

Die Stadt Boden, ca. 35 km entfernt ist seit über hundert Jahren vom Militär geprägt. Im den Wäldern um die Stadt befinden sich fünf, zwischen 1900 und 1910 erbaute Festungen. Teilweise sind die Außenbereiche einfach so zugänglich. Eine der Festungen kann auch als Museum zu besichtigt werden.

Wir sehen uns Gammelängsberget Fort von unten und oben an. Die Zugänge zum ganz inneren Bereich sind zugemauert. Von oben käme man ran. Schwedische Kletterfreunde haben ein stabiles Gurt an der Wand befestigt. Der Auf- und Abstieg wäre also möglich – theoretisch.

Nach Haparanda – Blick nach Finnland

Am freien Wochenende geht es nach Haparanda. Doch mal schnell rüber von EU-Schweden nach EU-Finnland, um vielleicht einen neuen Geocache-Länderpunkt zu sammeln, ist nicht. Nach Finnland kommt man nur so zum Spaß im Moment gar nicht. Und selbst wenn, ist bei der Wiedereinreise nach Schweden ein negativer Covid-Test vorzuzeigen. Kontrollposten stehen deutlich hinter bzw. vor dem Grenzübergang. Auch der der Versuch einige Kilometer weiter an einer Nebenstraße nur mal so zu schauen endet schnell. Die Straße ist ein wenig abgesperrt und auf finnischer Seite geht soeben ein Polizeiwagen in Stellung. Immerhin sehe ich das Schild, dass es hier nicht nach Schweden reingeht von finnischer Seite.

Auf einem kurzen (weil saukalt und windig) Spaziergang am Grenzfluss Torne Älv sehen wir Zergmöwen, idealerweise zusammen mit Lachmöwen, so dass man die Unterschiede der Beiden Vogelarten gut erkennen kann. Auch ein Paar Pfeifenten und zum allerersten Mal Odinshühnchen können wir beobachten.

Elche usw.

Nach über sechs Wochen Schweden sehen wir unseren elften Elch. Schon bemerkenswert, da von Schwedenfahrern und -autorinnen laut eigener Aussage kein einziger Elch gesichtet wurde. Rentiere sind oft am Straßenrand zu sehen. Das sind dann aber keine ganz wildlebenden Tiere. Oft mit Ohrmarke und Farbmarkierung. Ihre Fluchtdistanz beträgt nur wenige Meter. Die Elche suchen schon ab fünfzig Meter das Weite. Auf der Wiese zwischen Haus und Fluss sind die großen Brachvögel regelmäßig zu Gast und ihre melodischen Rufe zu hören. Kraniche Gänse, Singschwäne, Wasserläufer und viele Limikolen sehen wir täglich.

Auf einer Wiese am Fluss sehen wir eine Eule am Boden sitzen. Laut Buch und Biotop müsste es eine Sumpfohreule sein – schwedisch: Jorduggla. Ich versuche mich auf eine fototaugliche Entfernung anzuschleichen. Die zahlreich umherliegenden Heuballen bieten eine ganz gute Deckung. Aber eine schöne Großaufnahme wird es dann doch nicht. Die Eule war schneller (weg). Nur ein halbwegs passables Flugfoto hat Vorzeigequalität. Der Flussuferläufer ist auch in Deutschland nicht selten. Aber wer hat schon einmal einen gesehen?

27. Mai 2021 Sonnenuntergang kurz vor Mitternacht

Am Abend fahren wir auf einen Berg in der Nähe um den Sonnenuntergang zu genießen. Der findet aktuell gegen 23:00 Uhr statt. Auch danach herrscht für ein paar Stunden eine sehr helle Dämmerung, bis kurz nach 2:00 Uhr die Sonne wieder aufgeht.

29. Mai 2021

Am vorletzten Tag in Niemisel sind wir von unseren Gastgebern zu einer Bootsfahrt auf der Ostsee eingeladen. Der Plastekutter wird aus der Scheune geholt und im fünzig Kilometer entfernten Brändön zu Wasser gelassen. Gemeinsam mit Freund Mads und Familie geht es bis zu einer kleinen Insel, wo typisch schwedisch gepicknickt wird.

Noch viele andere schöne Plätze in der Umgebung haben wir in den letzten drei Wochen besucht. Wasserfälle, Stromschnelle und Wälder. Mittlerweile ist auch im hohen Norden der Frühling angekommen. Innerhalb einer Woche sind die Wiesen satt grün, die Temperaturen von null auf zwanzig Grad gestiegen. Auch die Rauschwalben haben den Polarkreis erreicht.

Noch mal Autos und so

Auch wenn es vielleicht manche nicht interessiert. Hinter jedem schwedischen Haus stehen ein oder mehrere alte Autos herum. Echte Schätzchen oder Rostlaube? Busse wurden auch mehrfach gesichtet.

Schwedisch-Deutsch Deutsch-Schwedisch

Wenn man Schweden bereist und nicht schwedisch kann ist Englisch die erste Wahl. Die Schweden beherrschen diese Sprache hervorragend. Vielleicht auch weil US-Filme nicht synchronisiert werden. Es gibt allenfalls schwedische Untertitel. Mit Ausnahme von Kinder-Zeichentrickfilmen vielleicht. Das kennen wir doch noch? Fernsehen der DDR II – für Freunde der russischen Sprache. Aber die schwedische Sprache ist der deutschen in vielen Wörtern ähnlich oder gleich. Auch englische Begriffe tauchen hin und wieder auf. Wer dann noch plattdeutsch kann ist schon fast aus dem Schneider. Fast – denn vieles was man gedruckt sofort erkennt klingt gesprochen ganz anders. Es eben wie beim Französisch oder Schwyzerdütsch. Manches muss man gar nicht übersetzen, manches macht ratlos und dann gibt es auch die „falschen Freunde“ – Worte die man zu kennen glaubt, die aber ganz etwas anderes bedeuten. Schwedisches Öl schmiert nicht das Auto sondern besteht aus Hopfen, Malz, und Wasser, oder übersetzen sie mal „Taschenlampe“ ins schwedische.
Das „K“ wird hier wie „ch“ oder „sch“ gesprochen. Der Fensterkitt heißt hier auch Fönsterkitt, schwedisch ausgesprochen besteht aber Verwechslungsgefahr mit einem englischen „Bäh-Wort“. Nehmen wir mal ein bekanntes Fortbewegungsmittel her. Vom Automobil bleibt im deutschen oft nur das Auto übrig. Wird übrigens auch im englischsprachigen Raum verstanden. Andere sind viel auf Mobile.de unterwegs. In Schweden reicht die letzte Silbe. Bil und fertig.

Zu einem meiner sprachlichen Lieblingsthemen – wie halten es die Schweden mit dem Deppenapostroph? Ihr wisst schon, das kleine Häkchen oben, das aus „Tinos Werkstatt“ „Tino’s Werkstatt“ macht und „Heidi’s Frisörstübchen“ ziert. Im Englischen wird das hintere „s“ des besitzanzeigenden Genitivs mit eine Häkchen oben abgetrennt. Das ist so richtig, wenn es englisch ist. Im Deutschen ist es falsch. In Schweden ist es mal so, mal so. Manches ist hier mehr als in D US-amerikanisch geprägt. Aber im wesentlichen wird richtig apostrophiert.

Sehr schön ist auf einer Tafel zu sehen, wie es richtig gemacht wird. Aus „Gerdas Schafstall“ wird im schwedischen „Gerdas Fårhus“ und im englischen „Gerda’s sheep house“

Was ihr schon immer wissen wolltet

Was mit Bier …

Alte Skandinavien-Fahrer wissen das alles schon.Wie ist es denn, wenn man mal ein gepflegtes Bierchen oder Weinchen oder gar Schnäpschen trinken will? Man hört da ja so Sachen.In Konsum- und Konsumähnlichen Verkaufsstellen gibt es Getränke bis max. 3,5%. Also Bier in den Abstufungen 0.0 2.5 und 3,5%. Die Preise liegen bei ca. 1€ für 0,5 Liter. Mehr % gibt es im System Bolaget. Das sind staatliche Läden, die nur in Städten vorkommen. Sehr gut sortiert und mit Personal, dessen Dienstkleidung an einen Wachdienst erinnert. Das billigste Tetrapak Wein liegt bei 7 Euro. Das Sortiment mal überschlägig geschätzt beim 2,5fachen des deutschen Niveaus. Wenn man weit draußen auf dem Land wohnt gibt es eine besondere Möglichkeit für den Freund gepflegter Promille. Der Dorfladen nimmt Bestellungen für die Apotheke und System Bolaget an. Seine Aspirin und den Aquavit kann man dann am nächsten Tag abholen.

3 Gedanken zu „Am Polarkreis

  1. Susan Freyer

    Hallöchen ihr zwei:),
    auch dieses Mal wieder ein sehr schöner Reisebericht.
    Beim schwedischen Picknick wäre ich gern dabei gewesen das hätte mir auch gut gefallen.
    Einen guten Rückweg!
    Lg Susi

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  2. Schröti

    Hallo ihr Weltenbummler,
    schön wiedermal von euch was zu hören und zu sehen.
    Eure Berichte sind immer wieder schön zulesen und man kann sich mit den Bildmaterial
    mit dort rein versetzen.
    Die Vögel die Du hier beobachtes hast, sind das welche die auch bei uns heimich sind.
    Wenn nicht woher weißt Du das dann so schnell.
    Ich wünsche euch eine gute Weiterreise durch den Rest der Welt.
    Bleibt gesund und kommt immer gut weiter an euer Ziel voran.
    Liebe Grüße vom Chemnitzer Schröti

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    1. Mario Beitragsautor

      Hallo Schröti,
      Zur Vogelbestimmung habe ich ein dickes Buch mit. Alle Vögel Europas, Nordafrikas und des nahen Ostens. Da sind Verbreitungskarten drin und so weiß ich ungefähr was mich im Norden erwartet. Viele Arten kennen wir aus Sachsen: Amsel, Drossel, Fink und Star… Flussuferläufer. Manche gibt es nur hier – Odinshühnchen, Prachttaucher, Trauerente, Unglückshäher. Die kenne ich aus dem Buch oder muss noch einmal nachsehen.
      Viele Grüße von Anja und Mario – wieder on the road nach Sachsen

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